Spielzeugfreier Kindergarten

Spielzeugfreier Kindergarten in den Nebiker Kindergärten

In der Zeit ab den Fasnachtsferien bis ca. Anfang Juni läuft in den Kindergärten Gässli und Kirchstrasse in Nebikon alles anders als gewohnt. Dies wird beim Betreten der Kindergärten sofort offenkundig. Ausser Tischen, Stühlen, leeren Gestellen und ein paar Harassen findet man kaum mehr Einrichtungsgegenstände vor. Wo sind all die farbenfrohen Spielsachen hingekommen, ist auch sogleich die erste Frage die Besucher den Kindern stellen. «Die sind in den Ferien», erklären diese mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit. Was ist hier geschehen?

Im Rahmen des Studiums zur Schulischen Heilpädagogin habe ich den Auftrag, an meiner Arbeitsstelle ein Projekt zu lancieren und durchzuführen. Mein Unterrichtsentwicklungsprojekt widme ich dem «Spielzeugfreien Kindergarten». Für einige Wochen werden die Kinder auf vorgefertigtes Spielzeug wie Legos, Puppen, Autos und Spiele verzichten und sich mit dem Inventar und gegebenenfalls mit erfragten Dingen wie Tüchern, Schachteln, Farben, Leim u.v.m. verweilen. Ziel dieser Massnahme ist es unter anderem, die Phantasie der Kinder anzuregen, ihnen die Gelegenheit zu bieten, ihre eigenen Ideen und Bedürfnisse zu erkennen und umzusetzen, um damit auch ihr Selbstvertrauen zu stärken. Die Lehrpersonen präsentieren also keine geleiteten Stunden mehr.

Sie sind aber wachsame Beobachterinnen und immer zur Stelle, wenn ihre Hilfe gefragt ist. Stattdessen können die Kinder spielerisch einiges tun und lassen. Der durch die fehlenden Spielsachen gewonnene Platz ermöglicht es ihnen, sich nach Lust und Laune auszutoben. Gewisse Regeln müssen aber weiterhin eingehalten werden, sonst funktioniert vieles nicht. Diese Regeln werden von den Kindern selber aufgestellt, miteinander besprochen, aufgezeichnet oder aufgeschrieben und schliesslich aufgehängt. Natürlich läuft auch in dieser Zeit der Kindergartenalltag nicht problemlos ab. Die Kinder werden aber dazu angehalten, auftretende Probleme zu verbalisieren, sich eventuell Hilfe bei anderen Kindern zu holen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Dafür steht ein Extra Stuhl, der «blaue Stuhl», bereit. Von hier aus können die Kinder bei Bedarf alle Kindergärtler zusammenrufen, Probleme erörtern oder auch neu erfundene Spiele erklären. Fragt man sie, ob es ihnen denn auch einmal ein bisschen langweilig sei, so bekommt man unisono ein amüsiertes «Nein» zu hören. Was machen sie denn nun die ganze Zeit ohne Spielzeug? Herumspringen, Spiele wie etwa das «Versteckis» neu erfinden, «Katz und Maus» spielen, erklären die Kinder freudestrahlend. Sie können sich selbstverständlich auch draussen, auf dem Areal des Kindergartenspielplatzes aufhalten. Noch präziser erklären es die Lehrpersonen: Normalerweise dauert eine Pause, in der die Kinder sich im Freien bewegen und herumtollen, 30 Minuten. Während des aktuellen Projektes dürfen sie nun selber entscheiden, ob und wie lange Zeit sie sich draussen aufhalten wollen. In der übrigen Zeit spielen sie drinnen. Es ist erstaunlich, dass es trotz frühlingshafter Witterung die Kinder beider Kindergärten bevorzugen, drinnen zu spielen. Natürlich steht ihnen zum Basteln Material zur Verfügung, das sie bei den Lehrpersonen anfordern können. Es gibt eine Gruppe Mädchen, die seit einigen Tagen sich geschäftig ins Schminken vertiefen. Sie haben sich eine freie Ecke des Raumes geschnappt und sich einen eigenen Beautysalon eingerichtet. Nach Herzenslust werden nun Kundinnen und Kunden mit Wasserfarben und Pinseln geschminkt, Maniküre inbegriffen. Eine andere Gruppe hat auf eigenen Wunsch hin, mit grossen Schachteln ein Büro gebaut und ist eifrig daran, Stühle zu verkaufen. Diese Betriebsamkeit war aber nicht von Anfang an so gross. Gerade in den ersten Tagen des Projektes, nachdem alle Spielsachen «auf Reisen» respektive in die Schränke geschickt worden waren, machte sich bei vielen Kindern zuerst einmal das Bedürfnis breit, sich zu bewegen. Es gab Fangis,- Verstecken- und andere Bewegungsspiele. Dementsprechend laut wurde es dabei. Langeweile kam bis heute eigentlich noch gar keine auf. Es gilt für die Kinder täglich immer wieder neu, sich dieser speziellen Situation zu stellen, sie auszuhalten und mit eigenen Ideen auszufüllen.

Und fragt man die Kinder, welches Spielzeug sie denn als erstes wieder aus den Schränken zurückholen würden, meint ein Mädchen: «Die Baby Ecke», und zwei Buben antworten: «Gar nichts, wir haben doch alles!» Ich bin gespannt, wie lange wir dieses Projekt tatsächlich durchführen werden und ob vielleicht am Ende die Spielsachen ihre Ferien verlängern, nämlich dann, wenn die Kinder vor lauter eigenen Ideen gar keine Zeit mehr finden, diese nach Ablauf des Projektes wieder an ihren herkömmlichen Platz zurück zu stellen.

Helena Setz-Ulrich, SHP, Projektleiterin


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